OVERTOURISM.

"Neun Touristen auf einen Einwohner. In manchen Orten ist das der ganz normale Sommer."
visumPOINT's Reise-Monitor
Tourismus war lange eine Erfolgsgeschichte. Mehr Reisende, mehr Einnahmen, mehr Sichtbarkeit für Orte, die sonst kaum jemand kannte. Dass dieses Wachstum irgendwann an eine Grenze stoßen würde, war absehbar. Dass es so schnell gehen würde, hat viele überrascht.
Overtourism beschreibt genau diesen Zustand: wenn ein Ort mehr Besucher anzieht, als er verkraften kann. Für die Infrastruktur, für die Umwelt, für die Menschen, die dort tatsächlich leben. Die Konsequenzen sind je nach Ort unterschiedlich, das Muster dahinter aber oft dasselbe. Steigende Mieten verdrängen Anwohner aus ihren eigenen Vierteln. Strände, die einmal ruhige Buchten waren, werden im Sommer zur Massenveranstaltung. Und manchmal reicht ein einziger viraler Clip, um einen Ort innerhalb weniger Monate an seine absolute Belastungsgrenze zu bringen.
Hinzu kommt ein neues Phänomen. Nicht mehr nur klassische Reiseziele wie Venedig oder Barcelona stehen unter Druck. Auch kleine Inseln, abgelegene Küstenorte und Gebirgsdörfer geraten ins Visier, sobald eine Serie, ein Film oder ein bekanntes Gesicht sie ins Rampenlicht rückt. Der Effekt ist jedes Mal ähnlich: Aufmerksamkeit, Ankunft, irgendwann Überlastung.
Was sich gerade verändert, ist die Reaktion darauf. Städte führen Eintrittsgebühren ein, Länder begrenzen Besucherzahlen, und auch unter Reisenden selbst wächst das Bewusstsein, dass nicht jeder Ort zu jeder Zeit der richtige ist. Dieser Beitrag schaut sich an, wo der Druck 2026 besonders spürbar ist und welche Orte bereits begonnen haben gegenzusteuern.


Die Zahlen
Die Reiseplattform Evaneos hat zusammen mit der Beratung Roland Berger einen Overtourism-Index entwickelt. Reiseziele werden darin auf einer Skala von eins bis fünf bewertet. Zypern, Griechenland und Kroatien liegen alle über einem Wert von 3,8. Kein Ausreißer, sondern ein klares Muster.
Besonders deutlich wird es auf den griechischen Inseln. In der Hochsaison kommen auf Mykonos und Santorini fast zehn Touristen auf eine Person, die dort tatsächlich wohnt. Wer im Sommer anreist, teilt sich die engen Gassen mit einem Vielfachen der ortsansässigen Bevölkerung. Das ist kein Urlaubsgefühl, das ist Infrastruktur am Limit.
Booking.com hat 2026 über 32.000 Reisende weltweit befragt. 43 Prozent gaben an, überfüllte Reiseziele aktiv meiden zu wollen, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Das Thema verändert also nicht nur Orte. Es verändert, wie Menschen buchen.
9,9 : 1
Touristen pro Einwohner auf Mykonos und Santorini. So eng wird es im Hochsommer.
43%
der Reisenden weltweit wollen 2026 überfüllte Ziele aktiv meiden. Ein Anstieg von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Städte die Gegensteuern
Die Reaktion auf Overtourism ist längst keine Randerscheinung mehr. Immer mehr Städte greifen aktiv ein: mit Verboten, Gebühren, Quoten. Manche Maßnahmen sind radikal, andere tastend vorsichtig. Gemeinsam ist ihnen der Gedanke, dass so nicht weitergemacht werden kann.
Amsterdam hat begonnen, Werbung für die Stadt aktiv zurückzufahren. Neue Kreuzfahrtschiffe dürfen nicht mehr im Stadtzentrum anlegen. Das Signal ist bewusst: Die Stadt will wählerischer werden, welche Besucher sie anzieht und unter welchen Bedingungen.
In Barcelona laufen seit Monaten Proteste gegen explodierende Mieten. Viele Anwohner machen den Tourismus direkt dafür verantwortlich. Die Stadt hat reagiert. Neue Ferienwohnungen werden im Stadtzentrum nicht mehr genehmigt, bestehende Lizenzen sollen ab 2029 nicht mehr verlängert werden.
Venedig ist weiter gegangen als die meisten. Tagesgäste zahlen inzwischen Eintritt, an Spitzentagen bis zu zehn Euro. Das Modell ist umstritten. Aber es zeigt erste Wirkung: Die Besucherzahlen an den teuersten Tagen sind spürbar zurückgegangen. Was als Experiment begann, wird von anderen Städten inzwischen genau beobachtet.
Die neuen Opfer des viralen Erfolgs
Nicht nur Metropolen geraten unter Druck. Manchmal reicht eine Filmkulisse, ein Serienhit, ein Sommer mit zu viel Aufmerksamkeit. Orte, die das lange gut bewältigt haben, kippen plötzlich. Vier Beispiele, die 2026 besonders deutlich zeigen, wie schnell das geht.
Auch diese Städte reagieren bereits
Kyoto, Japan
Sperrung mehrerer Geisha-Viertel für Touristen nach wiederholten Belästigungen von Bewohnern und Geishas.
Dubrovnik, Kroatien
Strenge Besucherobergrenze für die Altstadt: maximal 4.000 Personen gleichzeitig. Kreuzfahrtschiffe werden auf zwei pro Tag begrenzt.
Bhutan
Tagesgebühr von 200 US-Dollar pro Besucher seit 2022. Kein Massentourismus als erklärtes Staatsziel.
Athen, Griechenland
Die Akropolis zählt jährlich über drei Millionen Besucher. Seit 2023 gilt ein Tageslimit von 20.000 Personen. An manchen Sommertagen ist das Kontingent bereits vor neun Uhr morgens ausgebucht.
B

Koh Samui, Thailand
Koh Samui war nie ein Geheimtipp. Aber es gab einen Punkt, an dem die Insel noch funktioniert hat. Saubere Buchten, genug Platz, eine Infrastruktur, die mit dem Wachstum Schritt halten konnte. Dieser Punkt liegt einige Jahre zurück.
2023 kamen 2,7 Millionen Touristen auf eine Insel mit rund 50.000 Einwohnern. Fast 54 Besucher auf jeden Menschen, der dort tatsächlich lebt. Und das war, bevor irgendjemand von "The White Lotus" gehört hatte.
Als bekannt wurde, dass die dritte Staffel der Serie dort gedreht werden würde, passierte etwas, das die Tourismusbranche inzwischen kennt und fürchtet: ein viraler Moment mit direktem Buchungseffekt. Die Anfragen über Agoda stiegen um zwölf Prozent. Suchanfragen aus den USA sprangen um 65 Prozent hoch. Luxusbuchungen in ganz Thailand legten um 41 Prozent zu. Ausgelöst durch eine einzige Pressemitteilung eines Streamingdienstes.
Die Insel kämpft seitdem mit den Konsequenzen. Wasserknappheit ist kein saisonales Problem mehr, sondern ein strukturelles. Brunnen werden illegal gebohrt, weil die Versorgung vom Festland nicht mehr ausreicht. Der Verkehr verdichtet sich täglich, und niemand hat bisher eine Antwort darauf.
54:1
Touristen pro Einwohner. Bereits 2023, vor dem White-Lotus-Effekt.
Der White Lotus Effekt:
+65%
Suchanfragen aus den USA nach Bekanntgabe des Drehortes
+41%
Luxusbuchungen in ganz Thailand
+12%
Buchungsanfragen über Agoda
B
Alle drei Zahlen entstanden durch eine einzige Pressemitteilung. Bevor die erste Kamera aufgestellt war.

Mont-Saint-Michel, Frankreich
Mont-Saint-Michel braucht keinen Serienhit und keine virale Kampagne. Es braucht nur den Sommer. Die Gezeiteninsel in der Normandie hat weniger als vier Quadratkilometer Fläche. Trotzdem kommen jedes Jahr rund drei Millionen Besucher, eine Million davon allein zwischen Juni und August.
Was das konkret bedeutet, zeigt ein einziger Vergleich. An einem Spitzentag im vergangenen Sommer wurden mehr als 36.000 Menschen auf dem Eiland gezählt. So viele Einwohner hat eine mittelgroße französische Kleinstadt. Die Abtei, das eigentliche Herzstück des Orts, verzeichnete 2025 allein 1,6 Millionen Eintritte.
Das Problem ist nicht neu. Aber die Reaktion des Staates ist es. Frankreich hat begonnen, die Parkplätze rund um den Mont über ein Online-Reservierungssystem zu regulieren. Die Einnahmen fließen direkt in Infrastruktur und den Schutz der Salzwiesen, ein empfindliches Ökosystem, das unter dem Ansturm der Besucher zunehmend leidet.
Was Mont-Saint-Michel von anderen Orten auf dieser Liste unterscheidet: Es gibt keine einzelne Ursache. Keinen Streamingdienst, keinen viralen Clip. Nur eine jahrhundertealte Schönheit und ein Tourismus, der ihr langsam das Gleichgewicht entzieht.
36.000
Besucher an einem einzigen Spitzentag. Auf einer Insel, die man in einer Stunde umrunden kann.
4 km²
Fläche. Drei Millionen Besucher pro Jahr. Das Verhältnis spricht für sich.
Was sich verändert
Frankreich führt ein Pflicht-Reservierungssystem für Parkplätze ein. Die Einnahmen fließen in den Schutz der Salzwiesen rund um den Mont, eines der fraglichsten Ökosysteme der französischen Atlantikküste.

Kanarische Inseln, Spanien
Kanarische Inseln, 2025. Der Widerstand hat eine Sprache gefunden. "Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Dieser Satz stand auf Transparenten, als im Frühjahr Tausende Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura auf die Straße gingen. Auch in Madrid, Barcelona und Berlin gab es Solidaritätskundgebungen.
Der Auslöser war weniger eine einzelne Maßnahme als eine Anhäufung. Die 2,24 Millionen Einwohner der Inseln sahen im ersten Quartal 2025 bereits 4,26 Millionen internationale Besucher. Für das Gesamtjahr werden bis zu 16,5 Millionen erwartet. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. In den Hauptstädten werden mittlerweile über 200 von 1.000 Immobilien touristisch genutzt. Was für die Wirtschaft ein Erfolg ist, fühlt sich für viele Einwohner wie ein schleichender Verlust an.
Die Reaktionen kommen von allen Seiten. Teneriffa plant eine Ökosteuer für den Teide-Nationalpark, deren Einnahmen direkt in den Schutz des Vulkans fließen sollen. Private Autos sollen durch elektrische Shuttlebusse ersetzt werden. Auf Gran Canaria führte die Stadt Mogán bereits im Januar 2025 eine Tagesgebühr für Besucher ein.
Der Widerspruch bleibt bestehen. Vier von zehn Bewohnern arbeiten im Tourismussektor, der 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Die Inseln können den Tourismus nicht einfach ablehnen. Aber so wie bisher kann es auch nicht weitergehen.
16,5 Mio.
Erwartete Besucher 2025. Auf einem Archipel mit 2,24 Millionen Einwohnern.
36 %
des BIP kommen vom Tourismus. Das macht jede Gegenbewegung zur Gratwanderung.
"Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Ein Satz, der 2025 auf die Straße ging.

Kanarische Inseln, Spanien
Kanarische Inseln, 2025. Der Widerstand hat eine Sprache gefunden. "Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Dieser Satz stand auf Transparenten, als im Frühjahr Tausende Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura auf die Straße gingen. Auch in Madrid, Barcelona und Berlin gab es Solidaritätskundgebungen.
Der Auslöser war weniger eine einzelne Maßnahme als eine Anhäufung. Die 2,24 Millionen Einwohner der Inseln sahen im ersten Quartal 2025 bereits 4,26 Millionen internationale Besucher. Für das Gesamtjahr werden bis zu 16,5 Millionen erwartet. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. In den Hauptstädten werden mittlerweile über 200 von 1.000 Immobilien touristisch genutzt. Was für die Wirtschaft ein Erfolg ist, fühlt sich für viele Einwohner wie ein schleichender Verlust an.
Die Reaktionen kommen von allen Seiten. Teneriffa plant eine Ökosteuer für den Teide-Nationalpark, deren Einnahmen direkt in den Schutz des Vulkans fließen sollen. Private Autos sollen durch elektrische Shuttlebusse ersetzt werden. Auf Gran Canaria führte die Stadt Mogán bereits im Januar 2025 eine Tagesgebühr für Besucher ein.
Der Widerspruch bleibt bestehen. Vier von zehn Bewohnern arbeiten im Tourismussektor, der 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Die Inseln können den Tourismus nicht einfach ablehnen. Aber so wie bisher kann es auch nicht weitergehen.
16,5 Mio.
Erwartete Besucher 2025. Auf einem Archipel mit 2,24 Millionen Einwohnern.
36 %
des BIP kommen vom Tourismus. Das macht jede Gegenbewegung zur Gratwanderung.
"Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Ein Satz, der 2025 auf die Straße ging.

Kanarische Inseln, Spanien
Kanarische Inseln, 2025. Der Widerstand hat eine Sprache gefunden. "Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Dieser Satz stand auf Transparenten, als im Frühjahr Tausende Menschen auf Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura auf die Straße gingen. Auch in Madrid, Barcelona und Berlin gab es Solidaritätskundgebungen.
Der Auslöser war weniger eine einzelne Maßnahme als eine Anhäufung. Die 2,24 Millionen Einwohner der Inseln sahen im ersten Quartal 2025 bereits 4,26 Millionen internationale Besucher. Für das Gesamtjahr werden bis zu 16,5 Millionen erwartet. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. In den Hauptstädten werden mittlerweile über 200 von 1.000 Immobilien touristisch genutzt. Was für die Wirtschaft ein Erfolg ist, fühlt sich für viele Einwohner wie ein schleichender Verlust an.
Die Reaktionen kommen von allen Seiten. Teneriffa plant eine Ökosteuer für den Teide-Nationalpark, deren Einnahmen direkt in den Schutz des Vulkans fließen sollen. Private Autos sollen durch elektrische Shuttlebusse ersetzt werden. Auf Gran Canaria führte die Stadt Mogán bereits im Januar 2025 eine Tagesgebühr für Besucher ein.
Der Widerspruch bleibt bestehen. Vier von zehn Bewohnern arbeiten im Tourismussektor, der 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Die Inseln können den Tourismus nicht einfach ablehnen. Aber so wie bisher kann es auch nicht weitergehen.
16,5 Mio.
Erwartete Besucher 2025. Auf einem Archipel mit 2,24 Millionen Einwohnern.
36 %
des BIP kommen vom Tourismus. Das macht jede Gegenbewegung zur Gratwanderung.
"Canarias tiene un límite." Die Inseln haben eine Grenze. Ein Satz, der 2025 auf die Straße ging.
